Erinnerung an das Warten auf den Aufstand

In einer Zeit, in der eine anonym verfasste Kampfschrift über den ‚kommenden Aufstand‘ zum Beststeller wird und arabische Länder von einer Reihe von Aufständen erschüttert werden, deren Funken sich weltweit verbreiten, wird es Zeit, sich auch hierzulande auf die Geschichte vergangener Aufstände, gescheiterter Revolutionen zu besinnen. Oftmals markierten Meutereien, Befehlsverweigerungen, Ungehorsam den Beginn von Aufständen, die zu radikalen Umwälzungen führten. Der Titel Kommando Johann Fatzer erinnert an die Praxis militanter Gruppen, im Namen gefallener Kameraden zur Aktion überzugehen. Nur ist im Falle Fatzers der Gefallene zum Opfer seiner eigenen Kameraden geworden. Zugleich bezeichnet ein Kommando nicht nur eine aktive Einheit, sondern auch einen Appell, Befehl, Aufruf zur Tat. Doch wozu fordert Fatzer auf außer dazu, keinem Befehl mehr zu gehorchen, nicht länger mitzumachen, auszusteigen, aufzuhören, abzuhauen?

Im April 2011 fanden im Ringlokschuppen Mülheim an der Ruhr die „Ersten Mülheimer Fatzertage“ statt. Fünf Tage lang suchte man dort, die widersprüchlichen Fragen nach Geschichte und Gegenwart der Revolution und den Möglichkeiten politischen Handelns produktiv zu machen. Diskutiert wurden diese im Dialog mit dem sperrigsten und herausforderndsten Text von Brecht, dem Fatzer-Fragment.

Kommando Johann Fatzer, der erste Band der Mülheimer Fatzerbücher, die die Fatzertage auch in den folgenden Jahren begleiten werden, setzt die künstlerische und wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Fragment fort. Er enthält neben den Vorträgen des im Rahmen der Fatzertage veranstalteten Symposions weitere Beiträge sowie umfangreiche Dokumentationen der gezeigten Fatzer-Produktionen von andcompany&Co., kainkollektiv und dem Spinnwerk Leipzig. Ausgehend von der Aktualität und Produktivität des Brechtschen Fragments widmet sich Kommando Johann Fatzer der ästhetisch-politischen Potentialität dieses „Jahrhunderttext[s]“ (Heiner Müller) und versteht sich als Beitrag zu dem, was Brecht bis zuletzt mit seinen Stücken auslösen wollte: eine „Große Diskussion“.

Mit Beiträgen von: Ulrike Haß, Alexander Karschnia, Hans-Thies Lehmann, Jürgen Link, Eduardo Guerreiro B. Losso, Nicola Nord, Michael Wehren u.a., sowie Tropical/BG-GB/Winter in Brasil/eat me! von Jan Brokof.

 

Inhaltsverzeichnis, Vorwort & Einleitung