Inszenierungen von Zukünften

Wem gehört die Zukunft? ist eine Arbeit am Szenario und dessen disziplin­übergreifendem Einsatz zur Manifestation von Zukunft. Die Studie ist wissenschaftliche Analyse und zugleich Einspruch gegen Zukunftsimperialismus und die Kolonisierung von Gedächtnis und Gegenwart durch Mythen der nahen Zukunft. Sie ist zunächst Bestandsaufnahme einer der Theatralität verpflichteten Darstellungspraxis, aber auch kritische Auseinandersetzung mit der einzigen künstlerisch-wissenschaftlichen Kulturpraxis, die mit konsekutivem Gestaltungsanspruch auf die Gegenwart übergreift und aus Zukunftsvisionen abgeleitetes Handeln in Gang setzt.

Ein Szenario ist eine Gehhilfe in die Zeit und eine Transfertechnik. Es wird häufig beim interdiskursiven Überführen von Wissen bemüht. Es wirkt dort, wo Unsicherheit und Zweifel herrschen, eine Krise zeitnahes Handeln vorsieht oder eine Lage außer Kontrolle zu geraten droht. Anhand gravierender künftiger Entwicklungen wie der Euro-Krise, der Klima-Krise, asymmetrischer Kriegsführung und Terrorgefahr erhöht ein Szenario seine Bedeutung dort, wo es in der Lage ist, zu vergegenwärtigen, was viele fürchten und wenige lenken.

Es erweitert den Riss zwischen Wissen und Wahrheit und gibt den Blick frei auf einen Schauplatz, auf dem sich Abwesendes vergegenwärtigt, Hoffnung Kontur gewinnt und sich Wissen zu Wahrheit verdichtet. Im Licht der Plausibilität öffnet das Szenario einen realen Handlungsspielraum, der Entscheidungen zwischen Wissen und Glauben, Hadern und Hoffen, Unterlassen und Handeln erzwingt.

 

Jules Buchholtz studierte Philosophie, Angewandte Theaterwissenschaft sowie Fine Art und Performance am Dartington College of Arts, in Heidelberg und Gießen. Sie ist Mitglied des Graduate Centre for the Study of Culture in Gießen und Lehrbeauftragte an der Universität Gießen und der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig. Sie lebt und schreibt in Hamburg und arbeitet dort theoretisch wie künstlerisch mit den Schwerpunkten: Reales/Realität, Risikoregime, spekulative Szenariotechnik und Medizinrecht.