Der Rest ist Fatzer

Es ist ein Mittwoch, an dem sie genug haben: Fatzer und seine Kameraden kriechen aus einem Panzer heraus, verlassen den Krieg und haben doch nichts gelernt als die Solidarität des Militärs. Eingepfercht in ein Versteck, in dem sie auf das Ende des Krieges oder die kommende Revolution warten, stellt sich das Problem, wie man es bis zu diesem Moment miteinander aushalten kann. Denn auch alleine geht es nicht.

Fatzer, so der Ausgangspunkt der Dritten Fatzer Tage, ist eine Auseinandersetzung mit Gemeinschaften, mit ihrer Konstruktion und ihrem Auseinanderfallen; mit dem, was sie ausmacht, und dem, was ihnen notwendig entgeht: dem/der/den Einzelnen. Brechts Fragment rechnet mit der Notwendigkeit von Gemeinschaften, der Gemeinsamkeit des Krieges, der Revolutionäre, der Deserteure, der Hungernden – doch diese Rechung geht nie auf. Immer bleibt ein Rest und dieser Rest ist Fatzer: der Egoist, der Asoziale, der Verräter.

Ausgehend von diesem (Über-)Rest Fatzer standen die theoretischen wie künstlerischen Beiträge der Dritten Fatzer Tage im Juli 2013 im Spannungsfeld der Beziehung von Gemeinschaften zu den Einzelnen, aus welchen sie sich zusammensetzen. Mitmachen, Abweichen, Disziplinieren, Hintergehen, Wertschätzen, Schützen, Strafen, Ausstoßen, Vereinnahmen: auf besondere Weise scheinen Gemeinschaften gebunden an Praktiken des Ein- bzw. Ausschlusses und damit an die Grenzen, welche sie entwerfen und von denen ausgehend sich Fragen von Gleichheit und Differenz beantworten lassen. Es geht bei der Konstruktion von Gemeinschaft also auch immer um Macht, die den Raum des Sozialen – der Menschen, die zusammen leben – herstellt und gliedert. In diesem Sinne stellte das diesjährige Symposium – wie das Fatzerfragment auch – nicht nur die Frage nach der politischen, sondern auch nach der Theatergemeinschaft: Auch Theater ist alleine nicht zu haben und zugleich auf besondere Weise von dem abhängig, der im ‚Pädagogium‘ den Verrat probt.

Der dritte Band der Mülheimer Fatzerbücher – In Gemeinschaft und als Einzelne_r – gibt das Symposium wieder und dokumentiert die während der Fatzer Tage gezeigten Aufführungen, wobei besonderes Augenmerk auf den Arbeiten liegt, die dieses Jahr erstmals durch einen Open Call des Ringlokschuppens produziert wurden.

 

Mit Beiträgen von Sabrina Apitz, Katrin Hylla, Martin Kaluza, Claas Morgenroth, Daniel Schauf, Philipp Scholtysik, Juliane Spitta, Stephan Suschke, Florian Thamer, Tina Turnheim, Mayte Zimmermann u.a.

 

Inhaltsverzeichnis & Einleitung