Über die vermeintliche Zauberformel der amerikanischen Gegenwartsoper

Eine spezifische Adaptionsformel in drei Schritten gehört seit gut anderthalb Jahrzehnten zu den lebendigsten Trends der amerikanischen Gegenwartsoper, angefangen von den großen Häusern in New York, Chicago, Houston oder San Francisco bis in die Provinztheater- und Collegeszene. Die Formel ist einfach: Ein klassisches amerikanisches Theaterstück oder Buch, das zwischendurch eine bekannte Filmfassung erfahren hat, wird nun als Oper neu gedeutet.

Eine idealtypisches Beispiel für diesen Trend ist André Previns A Streetcar Named Desire. 1998 als Auftragswerk der dortigen Oper in San Francisco uraufgeführt, ist Grundlage des Librettos das gleichnamige Theaterstück (1947) von Tennessee Williams. Williams Stück konnte sich bis heute im Repertoire behaupten. Previns Opernfassung wiederum erlebte seit der Premiere mehr als drei Dutzend Inszenierungen weltweit. Die ultimative Erfolgsformel für eine zeitgenössische amerikanische Oper, so scheint es.

Frédéric Döhls Buch führt nicht nur in diesen Trend ein, hinterfragt dabei besagte Einschätzung und kontextualisiert diese Entwicklung vor dem Hintergrund der ein Jahrhundert alten Suche nach der sogenannten „Great American Opera“. Anhand ausgewählter Beispiele geht es vor allem darum, in Analysen einzelner Passagen und Szenen nach der künstlerischen Spezifik dieses neuen Genres zu fragen. Eine Eigenart, die sich daraus ergibt, dass die Opernbesucher_innen nicht nur die kanonischen Vorlagenstoffe regelmäßig kennen, sondern die Verfasser der Opern davon ausgehen müssen, dass über die berühmten Verfilmungen auch eine bestimmte audiovisuelle Adaptionslösung bereits präsent ist. Wie aber damit umgehen?