Spätestens seit der Antike tritt eine Figur in vielfältigen Erscheinungsformen und historischen Augenblicken auf, die Verwandlung und Verbesserung verspricht: der ‚Neue Mensch‘. Mit ihr verbunden ist zugleich die Aussicht auf eine bessere Welt. Die Formel vom Neuen Menschen besitzt ein eigenes Narrativ, d.h., sie bildet den Kern historisch wandelbarer, sinngebender Erzählungen. Sie gehört zum paulinischen Christentum ebenso wie zum Pietismus oder zu den politischen und ästhetischen Avantgarden des 20. Jahrhunderts.

Offenbar hat der Neue Mensch sein utopisches Potential in den totalitären Bewegungen des letzten Jahrhunderts nicht erschöpft. So treibt die Frage nach der Perfektibilität des Menschen die Öffentlichkeit weiterhin um, wie sich an den Debatten um künstliche Intelligenz oder die Reproduktionsmedizin und deren bisweilen antimoderne Zurückweisung ablesen lässt. Dabei artikulieren sich einerseits Ängste vor technischen Entwicklungen und den jeweils neuen Unübersichtlichkeiten unserer sozialen Lebenswelten. Andererseits scheint in den digitalen Fantasien grenzenloser künstlicher Intelligenz die Sehnsucht nach neuen Möglichkeiten und Intensitäten des Menschseins ebenso greifbar wie in den utopischen Reichen der Produktwerbung oder der Esoterik. Schließlich eignet dem Topos vom Neuen Menschen eine widersprüchliche universale Dimension, die in diesem Essay durch Analysen historischer Quellen, kultureller Texte sowie politischer Debatten freigelegt wird.

 

Hans-Joachim Hahn ist Privatdozent am Institut für Germanistische und Allgemeine Literaturwissenschaft der RWTH Aachen. Er leitete das Zentrum für Begegnung, Austausch und Forschung im Gerhart- Hauptmann-Haus (Jagniatków, Polen) und war Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Simon-Dubnow-Institut (Leipzig). Hahn hat u.a. zur deutschsprachig-jüdischen Literatur, zur (transkulturellen) deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, zu Fragen des Realismus, zu Religion und Populärkultur sowie zu Comics publiziert.