Der Anzug als männliches Kleidungsstück par excellence

Ein modischer Mann – schon die Formulierung wirkt unpassend. Das ist kein Zufall, sondern historisch bedingt: Seit Ende der Aristokratie in Europa hat Mode immer das Andere der Moderne und damit das Andere der Männlichkeit dargestellt. Während die Frau sich herausputzte, um den Reichtum ihres Mannes der Öffentlichkeit zu präsentieren, trug er selbst schmucklose Dreiteiler in gedeckten Farben. Was damals als ‚große männliche Entsagung‘ galt, hat sich lange Zeit nicht wesentlich verändert. Sinnbildlich für diese Entwicklung der Männermode steht der Anzug als männliches Kleidungsstück par excellence, das in den letzten zweihundert Jahren kaum Veränderungen unterworfen war.

Minimale Männlichkeit zeichnet die Geschichte des Anzugs vom Ende der europäischen Aristo­kratie bis zu den jüngsten Kollektionen der Designer Raf Simons und Hedi Slimane nach. Ihre schmal geschnittenen Designs bedeuten mehr als die Hinwendung zu einer androgynen Ästhetik: Sie greifen auf Strukturprinzipien zurück, die bis dato der Frauenmode vorbehalten waren. Damit ist der Anzug, vermutlich zum ersten Mal in seiner Geschichte, als Anti-Mode selbst modisch geworden. Der Essay zeigt, weshalb dem Anzug als Form seine Konstanz historisch eingeschrieben ist, und skizziert die gesellschaftliche und politische Dominanz eines ‚männlichen Prinzips‘ in der Mode. Schließlich analysiert er die Veränderungen des Anzugs in den letzten beiden Jahrzehnten und deren Auswirkungen auf ein zeitgenössisches Männerbild.

 

Leseprobe

 

Nora Weinelt studierte Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft, Kunstgeschichte und Italienische Philologie in München und Paris. Seit Oktober 2013 ist sie Stipendiatin der Friedrich-Schlegel-Graduiertenschule für literaturwissenschaftliche Studien in Berlin. Sie arbeitet dort an ihrem Promotionsprojekt zu einer Poetik des Versagens im europäischen Roman um 1900. Zu ihren Interessen zählen außerdem Modetheorie und die Schnittstelle zwischen Literatur und Bildender Kunst.