Vom Ideal zum Zwang, vom Anspruch zur Forderung

Der zweite Band der Reihe Glück und Erfolg führt das Anliegen, die imaginäre Landschaft von Glücks- und Erfolgsvorstellungen im 20. Jahrhundert nachzuzeichnen, fort und beschäftigt sich mit den Hintergründen des Scheiterns von Glücks- und Erfolgsprojekten. Stress und Unbehagen beleuchtet Phänomene wie Burnout, Depression und Stress, die die westlichen Leistungs- und Konsumgesellschaften seit 1945 zunehmend umtreiben. Bei allen Unterschieden lassen sich vergleichbare historische Dynamiken rekonstruieren: Erachtete das Zeitalter der ‚organisierten Moderne‘ soziale Anpassung als Schlüsselkompetenz zu einem erfüllten und erfolgreichen Leben, wurde mit dem Übergang zur ‚flexiblen Moderne‘ seit den 1970er Jahren im individuellen Streben nach Glück und Erfolg zunehmend ein möglicher Auslöser von Krankheiten identifiziert, ging dieses doch immer mehr mit übermäßigen Anspruchshaltungen und Formen der Selbstüberforderung einher. Das Ideal der Selbstverwirklichung und der Autonomie verkehrte sich in der gesellschaftlichen Selbstbeschreibung einer „Kultur des neuen Kapitalismus“ (Richard Sennett) in den Zwang, permanent flexibel und risikobereit zu sein.

Der Band will nachzeichnen, in welcher Weise das Umschlagen von Idealen in Zwänge, von Ansprüchen in Forderungen eine Deformation von Glücks- und Erfolgsidealen bewirkte, die sich u.a. in Massenphänomenen wie Burnout manifestierte. Klagen über Erschöpfung, Stress und Depression bilden nicht nur zentrale Motive der Literatur des 20. Jahrhunderts. In den Verhaltenslehren von Ratgebern finden sich Regeln für den angemessenen Umgang mit ihnen. Zahlreiche kultur- und sozialwissenschaftliche Analysen wenden sich ihnen zu und interpretieren sie als Belege für eine Beschleunigung des Lebens sowie für eine neuartige Verhaltensökonomie, die verschiedenen Pathologien Vorschub leistet.

Der interdisziplinär angelegte Band versammelt soziologische, philosophische sowie literatur-, geschichts- und politikwissenschaftliche Beiträge, um das Spektrum jener Glücks- und Erfolgspathologien zu umreißen, die für die zusehends mobilen, konkurrenz- und aufstiegsbereiten Mittelschichten des 20. Jahrhunderts charakteristisch geworden sind.

Mit Beiträgen von Horst Gruner, Nora Hangel, Niklaus Ingold, Stephanie Kleiner, Matthias Leanza, Wim Peeters, Katja Rothe, Diana Schmidt-Pfister, Heiko Stoff und Wiebke Wiede.

 

Konzepte von Glück und Erfolg im 20. Jahrhundert

hrsg. v. Stephanie Kleiner / Robert Suter

 

Bislang erschienen:

Bd. 1: Guter Rat. Glück und Erfolg in der Ratgeberliteratur (1900-1940)

 

In Vorbereitung:

Bd. 2: Stress und Unbehagen. Glücks- und Erfolgspathologien in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts

 

Geplant:

Bd. 3: Institutionalisierungsprozesse von Glück und Erfolg im 20. Jahrhundert

hrsg. v. Stephanie Kleiner / Wim Peeters