Konzepte von Glück und Erfolg im 20. Jahrhundert

Das Streben nach Glück und Erfolg lässt sich als zentrales Movens individueller Lebensgestaltung wie auch kollektiver Vergesellschaftung in der Moderne beschreiben. Entwürfe eines glücklichen und/oder erfolgreichen Lebens sind dabei in übergreifende Vorstellungen des Gelingens eingelassen, die Zonen der Normalität abstecken und Grenzwerte soziokultureller (Des-)Integration aufstellen. Die kulturwissenschaftliche Buchreihe Konzepte von Glück und Erfolg im 20. Jahrhundert, die von der Historikerin Stephanie Kleiner und dem Literaturwissenschaftler Robert Suter (†) konzipiert wurde, setzt sich mit der Genese und Entfaltung dieser teleologischen Kategorien im 20. Jahrhundert auseinander.

Die interdisziplinäre Reihe ist auf drei Bände angelegt, die relevante Felder des Diskurses um Glück und Erfolg abschreiten und eine Genealogie beider Konzepte vorschlagen: Ein erster Band beschäftigt sich mit dem Genre der Glücks- und Erfolgsratgeber, die ein glücks- und erfolgsspezifisches Wissen mit konkreten Selbsttechniken verschalten und auf diese Weise ein Dispositiv der Selbstführung erzeugen. Im Zentrum steht dabei die bisher wenig beachtete Frühphase des Ratgebergenres im 20. Jahrhundert, genauer die Jahre zwischen 1900 und 1940, in denen konstitutive Settings, mediale Formate und Selbsttechniken entstanden, die zum Teil bis heute nachwirken.

Ein zweiter Band befasst sich mit der Problematisierung von Glück und Erfolg. In der zweiten Jahrhunderthälfte – namentlich in den Jahrzehnten seit 1960 – treten die Schattenseiten der Erfolgs- und Glücksimperative immer markanter hervor: Der Band Stress und Unbehagen. Glücks- und Erfolgspathologien in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts untersucht, in welcher Weise das Umschlagen von Idealen in Zwänge, von Ansprüchen in Forderungen eine Deformation von Glücks- und Erfolgsidealen bewirkte, die sich unter anderem in Massenphänomenen wie Depression oder Burnout manifestieren.

Demgegenüber nimmt der dritte Band der Reihe Institutionalisierungsprozesse von Glück und Erfolg im 20. Jahrhundert, den Stephanie Kleiner und der Literaturwissenschaftlicher Wim Peeters herausgeben werden, Formen der Stabilisierung und soziokulturellen Implementierung glücks- und erfolgsbezogener Konzepte und Praktiken in den Blick. Zu denken ist hierbei an wohlfahrts- und sozialstaatliche Maßnahmen, an zivilgesellschaftliche, ‚kommunitäre’ Flankierungen liberaler Freiheitsrechte oder an Formen therapeutischer Intervention. Konkret soll danach gefragt werden, auf welchen kulturellen Vorverständigungen entsprechende Institutionen basieren und inwiefern sich das Gelingen gesellschaftlicher Integration im 20. Jahrhundert insgesamt an der Möglichkeit solcher Stabilisierungen bemisst.

Die drei Bände basieren auf einer Serie interdisziplinärer Workshops, die die Herausgebenden seit 2013 am Konstanzer Exzellenzcluster „Kulturelle Grundlagen von Integration“ veranstalten. Sie führen Zugriffsweisen aus unterschiedlichen Disziplinen auf das Themenfeld von „Glück“ und „Erfolg“ zusammen, namentlich Beiträge aus den Bereichen der Geschichts-, Medien- und Literaturwissenschaft, der Soziologie und Philosophie sowie der Politikwissenschaft. Methodologisch werden diskursgeschichtliche Zugänge mit einer praxeologischen Herangehensweise kombiniert, um neben performativen Logiken und Subjektivierungsweisen auch den wissensgeschichtlichen Horizont sichtbar zu machen, vor dem „Glück“ und „Erfolg“ als soziale Regulative individueller Lebensgestaltung wie auch kollektiver Vergesellschaftung im 20. Jahrhundert wirksam werden konnten.