Die Dunkelkammer beleuchten

Längst ist deutlich geworden, dass es keinen einfachen Zusammenhang zwischen visueller Repräsentation und politischer Macht gibt. Sichtbarkeit ist eine ambivalente Kategorie, die sich keineswegs geradlinig in gesellschaftliche Einflussnahme übersetzen lässt. Die Dichotomie, die sich bereits im Begriffspaar Sichtbarkeit/Unsichtbarkeit etabliert, wird beständig wiederholt.

Sichtbarkeit wird gleichgesetzt mit Macht und Wissen – nur wer sichtbar ist, kann seine Interessen vertreten. Gleichzeitig wird Macht gewissermaßen unsichtbar – unter Ausschluss der Öffentlichkeit – ausagiert. Trotz einer „maximalen Sichtbarkeit“ (Linda Williams) herrschen weiterhin Tabus, was die Abbildung gewisser Praktiken und Körper angeht. Politischer Aktivismus braucht Sichtbarkeit im weitesten Sinne, um gesellschaftliche Veränderungen anzustoßen. Gleichzeitig ermöglicht gerade sie eine Kontrolle durch Staatsorgane und Geheimdienste. Das Internet und seine sozialen Plattformen der Kommunikation werden als Medien der Liberalisierung gefeiert. Gleichzeitig fürchten Menschen die völlige Überwachung ihrer persönlichen Daten oder können im Internet diffamiert und sozial geächtet werden.

Dark Rooms. Räume der Un/Sichtbarkeit – der aus der gleichnamigen Veranstaltung entstandene Band versucht über verschiedene Zugänge das viel beschworene Primat der Sichtbarkeit und Transparenz zu hinterfragen. Be­titelt nach dem ‚Darkroom‘, jenem Raum, der als Gegenbild zum White Cube des Kunstmuseums und der Galerie die alte analoge Dunkel­kammer der Fotografie und die Cruising Zone in Gay Clubs bezeichnet, diskutiert der Sammelband vordergründig politisch-ästhetische Praktiken, deren Akteure dieses Konzept hinterfragen oder negieren. Die Bandbreite des Umgangs mit Un/Sichtbarkeit kann von der kompletten Verweigerung von Sichtbarkeit in Form einer bewussten Bildvermeidung bis hin zur Subversion einer auf Sichtbarkeit setzenden Herrschaftsform reichen – etwa mit Strategien der Camouflage. Die Beiträge fragen explizit nach den Funktionen dieser Doppelbewegung und ihren Entstehungsbedingungen sowie den Möglichkeiten zur Unterwanderung normativer Kategorien von Sichtbar-Machung und Zu-Sehen-Gegebenem.

 

Mit Beiträgen von Nina Kathalina Bergeest, Nanne Buurman, Andrea Euringer-Bátorová, Astrid Hackel, Peter Hermans, Paula Muhr, Stefan Solleder, Gabriele Werner und Xiang Zairong.

 

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