Die ‚Jeckes‘ neu verhandelt – Plädoyer für ein vielfarbiges Mosaik

Lange Zeit waren im kollektiven Gedächtnis sowie in der Geschichtsschreibung über die ‚Jeckes‘ genannten Migrantinnen und Migranten aus Deutschland und Zentraleuropa zwei Narrative dominierend: Während das eine artikuliert, dass diese sich nur begrenzt in die bereits bestehende jüdische Gesellschaft des britischen Mandatsgebiets Palästina und Israel integriert hätten, betont das andere ihren positiven Beitrag zur Modernisierung des Landes. Beide Narrative sind nicht unbedingt konkurrierend, sondern ergänzen sich, beiden liegt zumeist dasselbe normative Diktum zugrunde – der Aufbau von Stadt, Land und Staat als jener Maßstab, an dem eine Migrantengruppe zu messen sei.

Doch so zählebig beide Narrative sind, wird die Geschichte der Jeckes doch zunehmend mittels innovativer historiographischer und kulturgeschichtlicher Ansätze und Methoden geschrieben, wie sie für die moderne, auch deutsch-jüdische Geschichtsschreibung längst üblich sind. Diese Trends bündelt und intensiviert der vorliegende Band. Die versammelten Beiträge analysieren kulturelle Transfers von Deutschland und Zentraleuropa nach Palästina und Israel im Spannungsfeld von Bewahrung und Transformation; sie fragen nach Lebenswelten und Identitätsentwürfen, untersuchen ‚jeckische Einrichtungen‘ der Stadt, Biografien von Individuen, Familien und Generationen, Alltag und Habitus, ‚Kulturkämpfe‘ sowie Milieus, kulturelle Gedächtnisse und Tradierungen.

Deutsche und zentraleuropäische Juden in Palästina und Israel, ein polyphones – auch disparates – Mosaik, will die Stereotype, die im Zusammenhang mit den Jeckes beharrlich reproduziert werden, aufbrechen, zumindest überprüfen und die Komplexität und Pluralität der Befunde herausstellen. Das Buch ist interdisziplinär angelegt und enthält Originalbeiträge internationaler Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie reichhaltiges, bisher weitgehend unveröffentlichtes privates Bildmaterial.

Haifa dient als Prisma und Beispiel. Unter den drei großen Städten des Landes am meisten ‚jeckisch‘ geprägt, spiegelt die Hafenstadt im Norden Israels die Migration der weniger Prominenten wider, gleichzeitig aber auch jener, die die deutschen Juden ganz besonders repräsentierten.

 

Mit Beiträgen von Linde Apel, Ofer Ashkenasi, Yossi Ben-Artzi, Anne Betten, Friedrich von Borries, Patrick Farges, Jens Uwe Fischer, Ita Heinze-Greenberg, Fabian Hennig, Katharina Hoba, Caroline Jessen, Christian Kraft, Thomas Lewy, Andrea Livnat, Malgorzata A. Maksymiak, Ruthi Ofek, Viola Rautenberg, Christiane Reves, Sebastian Schirrmeister, Joachim Schlör, Grit Schorch, Rakefet Sela-Sheffy, Anja Siegemund, Ines Sonder, Gernot Wolfram, Dorit Yosef.

 

Leseprobe

 

 

Reihe Jüdische Kulturgeschichte in der Moderne

hrsg. v. Joachim Schlör

Bereits erschienen:

Bd. 1: Sebastian SchirrmeisterDas Gastspiel. Friedrich Lobe und das hebräische Theater 1933–1950

Bd. 2: Andreas Lehnardt (Hrsg.): Wein und Judentum

Bd. 3: Lea Wohl von Haselberg (Hrsg.): Hybride jüdische Identitäten. Gemischte Familien und patrilineare Juden

Bd. 4: Alina Gromova / Felix Heinert / Sebastian Voigt (Hrsg.): Jewish and Non-Jewish Spaces in Urban Context

Bd. 5: Maria Teresa Sciacca: Theater ohne Publikum. Literatur im Exil am Beispiel Friedrich Wolfs

Bd. 6: Martin Kindermann: Zuhause im Text. Raumkonstitution und Erinnerungskonstruktion im zeitgenössischen anglo-jüdischen Roman

Bd. 7: Lea Wohl von HaselbergUnd nach dem Holocaust? Jüdische Spielfilmfiguren im (west)deutschen Film und Fernsehen nach 1945

Bd. 9: Laurence Guillon / Heidi Knörzer (Hrsg.): Berlin und die Juden. Geschichte einer Wahlverwandtschaft?

Bd. 10: Thomas LewyZwischen allen Bühnen. Die Jeckes und das hebräische Theater 1933–1948

Bd. 11: Anja Siegemund (Hrsg.): Deutsche und zentraleuropäische Juden in Palästina und Israel. Kulturtransfers, Lebenswelten, Identitäten – Beispiele aus Haifa

Bd. 12: Alexandra KleiJüdisches Bauen in Nachkriegsdeutschland. Der Architekt Hermann Zvi Guttmann

Bd. 14,1: Ines Sonder (Hrsg.): Lotte Cohn. Eine schreibende Architektin in Israel. Bd. 1: Ausgewählte Schriften (1934–1982)

 

In Vorbereitung:

Bd. 8: Frank Schlöffel: Heinrich Loewe (1869–1951). Zionistische Netzwerke und Räume

Bd. 13: Susanne Plietzsch / Armin Eidherr (Hrsg.): Durchblicke. Horizonte jüdischer Kulturgeschichte

Bd. 14,2: Ines Sonder (Hrsg.): Lotte Cohn. Eine schreibende Architektin in Israel. Bd. 2: Ausgewählte Briefe (1921–1982)

Bd. 15: Viktoria Pötzl: Nation, Narration und Geschlecht. Eine feministische Literaturanalyse der Werke Yael Dayans

Bd. 16: Rebekka DenzBürgerlich, jüdisch, weiblich. Frauen im Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens (1918–1938)