Was wusste man im Zweiten Weltkrieg in Deutschland von der Filmgeschichte?

Der Film war zu Beginn der 1940er Jahre noch zu jung, um bereits über ein größeres Schrifttum zu seiner Geschichte und den vielfältigen gesellschaftlichen, technischen oder ökonomischen Ausprägungen zu verfügen. An ein ‚Wörterbuch des Films‘ machte sich während des Zweiten Weltkriegs allerdings der Zeitungs- und Filmwissenschaftler Hans Traub. Damit verfolgte er ein ehrgeiziges Projekt, das bei Erscheinen als ‚Summe‘ der damaligen Filmwissenschaft hätte gelten können. Doch Weltkrieg und Traubs früher Tod verhinderten die Veröffentlichung der Arbeit, die lediglich fragmentarisch das Kriegsende überdauert hat.

Die Publikation des in den Sammlungen der Deutschen Kinemathek als Fahnenabzug überlieferten Wörterbuchs erlaubt es, den Stand der damaligen deutschen Filmwissenschaft genauer einzuschätzen und zugleich Aufschluss darüber zu geben, inwieweit darin die nationalsozialistische Ideologie wirksam oder gar prägend geworden ist. Das Textfragment schlägt einen Bogen von den Stichworten „Abbau“ bis „Wochenschau“. Wo notwendig, wurde es korrigiert, kommentiert und kontextualisiert. Begleitende Essays gehen dem Schicksal des Jahrzehnte verschollenen Materials nach und bewerten die Leistungen Traubs, der inzwischen eine Wiederentdeckung erfährt. Ein selbstbewusstes Vorwort des nationalsozialistischen Filmregisseurs Karl Ritter, wohl auch als politische Absicherung der Publikation gedacht, wurde dem Korpus hinzugefügt. Der Band führt damit die derzeit verstärkte Reflexion einer eigenen Fachgeschichte im Bereich von Filmarchivierung und -wissenschaft fort.

 

Hans Traub lebte von 1901 bis 1943, war Zeitungs- und Filmwissenschaftler in Berlin und Rostock, dem 1937 die Lehrbefugnis entzogen wurde, er galt den Nationalsozialisten als ‚Mischling zweiten Grades‘. Seit 1936 leitete er die Ufa-Lehrschau auf dem Ateliergelände in Babelsberg.