Blutsauger in Bett und Buch

… eine Wanze im Haus aber ist eine Katastrophe.

(Karl von Frisch)

 

An dieser Feststellung hat sich bis heute wenig geändert. Neuerdings kriechen auch in deutschen Zimmern die Wanzen wieder verstärkt aus ihren Ritzen. Als Sinnbild des Anderen, des Fremden, des Ekelhaften kommen die Wanzen selbstverständlich von außerhalb – sie sind nicht Teil von uns. Oder doch?

Seit Jahrtausenden des Nachts unser Blut trinkend, verdanken wir diesen Vampiren im Kleinformat neben Ekel, Stichen und Juckreiz auch heitere – und weniger heitere – Begegnungen in belletristischen Meisterwerken. Die eindrucksvollsten wurden für die Anthologie ausgewählt – erzählt und erlitten von Heine und Dumas, von Goethe und Tucholsky, von Tschechow und Majakowski, von den Hopis und den rezenten Bewohner_innen Nordamerikas. Einen global unbeliebten Lästling vorstellend, führt der literarische Streifzug von den verwanzten Betten Chinas, Russlands, Australiens oder Deutschlands hin zu intimen Erlebnisberichten und absurden Bekämpfungs­methoden.

In Literarische Wanzen präsentiert Klaus Reinhardt zahlreiche deutsche Erstübersetzungen, u.a. von Félix Nadar und Charles Bataille, Clive Sinclair, Sheldon Lou, Ruth Park und Ben H. Winters sowie von zwei Wanzenmärchen der Hopi. Das Auf und Ab des Widerwillens und der Bewunderung für die Widerstandsfähigkeit der Wanze wird in diesem Band ebenso vorgestellt wie Beschreibungen aus den Gefängnissen und Slums, in denen Wanzen den Gepeinigten das letzte Quäntchen Lebenslust raub(t)en. Eine vorangestellte Naturgeschichte der Bettwanze stellt eine faszinierende Einführung in die Lebewelt dieser Tierchen dar. Selbst das bizarre Liebesleben der Bettwanzen, das so manche sadomasochistischen Praktiken in den Schatten stellt, findet nicht nur Ablehnung. Die dazugehörige Kulturgeschichte „zwischen Pyramiden und Pestiziden“, wie es sie bisher über die Bettwanze nicht gibt, bietet einige Überraschungen, was wir den Wanzen verdanken.

 

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