Vor der Erdhörnchen-Apokalypse

Die Sprache kenne ich, dachte Ada, diesen Rhythmus, diese kehligen Laute, wie einzelne Knöchelchen, die erst im Chor ein Individuum ergeben. Das sind die Erdhörnchen!

 

In einer nahen Zukunft macht der alte Vaihinger sein Vermögen mit einem Menschenzoo. Da die Haltung von Tieren verboten ist, müssen Menschen ihre Rollen in Tierkostümen und als Nashörner, Strauße oder Zebras trainiert übernehmen, denn sonst gäbe es für Kinder ja gar keine Möglichkeit mehr, die Natur zu erleben. Es ist eine würdelose, ausbeuterische Arbeit. Deswegen hat sein Sohn Hans Vaihinger, ein Maler, mit dem Alten gebrochen, während seine Tochter Ada in der Abhängigkeit zwischen dem Patriarchen und ihrem Ehemann Vincent mit ihrem Leben hadert und nach einer Möglichkeit des Ausbruchs sucht. Vincent hingegen schielt auf das Erbe seiner Frau, so dass der Teufel Fidibaldi ihn als menschlichen Gehilfen anheuern möchte. Doch Fidibaldi findet in dieser Welt seinen Weg nicht mehr, statt Böses zu tun, schafft er Gutes, und die Mordanschläge treffen immer einen anderen als geplant.

Die Handlung spielt an einem einzigen Tag an fünf Orten in und bei Berlin, in Vaihingers Menschenzoo, in den Wohnungen der Kinder, im abgelegenen Landhaus. Am Morgen dieses Tages stirbt Vaihingers Haushälterin, als sie von seinen Croissants nascht. Der Alte gerät in Panik um sich und Sorge um seine Tochter. Er schickt seinen treuesten Helfer, den Wolf Vlad, aus, damit er sie bei jedem ihrer Schritte beschatte.

Mit einer feinen Ironie und liebevoller Distanz zu seinen Gestalten und dem Zukunftsszenario, in dem sie leben, gelingt Sebastian Guhr eine eindrückliche, dichte und auf die direkten Begegnungen der Figuren und ihre Dialoge zentrierte Erzählung. Psychologische Genauig­keit trifft hier auf absurde Einfälle und Wendungen, bis schließlich die Erdmännchen aufgrund der Arbeitsbedingungen im Zoo den Aufstand beginnen.

 

Leseprobe

 

Sebastian Guhr wurde 1983 in Berlin geboren. Er studierte Philosophie und Germanistik, seine Magisterarbeit schrieb er über moderne Dialogromane. Er wohnt in Berlin-Neukölln.

Er war zum 8. Literaturwettbewerb Wartholz 2015 eingeladen.