Mit Postkarten erzählt

Als ein Bote ein druckfrisches Exemplar des Buches in die Bank brachte, legte Juha den Telefonhörer auf den Tisch und öffnete mit zitternden Händen das Päckchen. Er streichelte den glänzenden Einbanddeckel, für den er in Kirkkonummi ein Plumpsklo mit Schindeldach fotografiert hatte. Dabei hörte er die Hummel brummen, die sich beim Fotografieren in das Häuschen verirrt hatte. Als Kind hatte er eine Hummel in eine Streichholzschachtel gesperrt und sich vorgestellt, die Schachtel wäre ein Telefon.

 

Bei seiner Tante findet Juha eine Sammlung von rund zweitausend alten Ansichtskarten, eine kulturhistorische und visuelle Schatztruhe. Die Karten illustrieren die Geschichte einer Familie aus Helsinki im Lauf von mehr als hundert Jahren. Sie betrachtend entdeckt Juha in ihnen Geschichten aus einer teilweise verloren gegangenen Welt, die sein eigenes Leben widerspiegeln. Er ergänzt die Sammlung um weitere Karten, die er von seinen Freunden und von Sammlern, von der Postkartenfirma Paletti und dem Finnischen Postmuseum bekam. Aus dem Zusammenspiel seiner erzählten Erinnerungen und der Postkarten entstand das vorliegende Buch.

Ansichten eines Lebens verfolgt in kurzen Erzählungen, mit vielen Details, Assoziationen und humorvollen Wendungen, Juhas Leben von den späten 1940er Jahren bis heute: seine Kindheit und Jugend im Finnland der Nachkriegszeit; seine sich als Irrtum herausstellende Vermutung, er könne als Angestellter der Finnischen Zentralbank auf die Politik einen ökologischen Einfluss ausüben; seine Reisen ins Ostberlin der 1980er Jahre; schließlich seine autodidaktische Umschulung zum Hühnerzüchter, Fotografen und Schriftsteller, der für seine Bücher recherchierend quer durch Finnland reist, bis hin zu seinem Leben im Berlin der Gegenwart. Das Puzzle der Ansichtskarten und Erzählungen zeigt das Finnland und Europa eines kurz nach dem Krieg geborenen Mannes – und diesen Mann selbst.

 

Leseprobe

 

Juhani Seppovaara, geb. 1947 in Helsinki, arbeitete ein Vierteljahrhundert als Volkswirtschaftler bei der finnischen Zentralbank. Ende der 1990er Jahre gab er seinen Job auf, um als freier Fotograf und Autor das zu tun, was ihm wirklich Spaß macht. Inzwischen sind in Finnland 20 Bücher von ihm erschienen, vor allem über volkstümliche Baukultur. Vier seiner Bücher wurden ins Englische, eines ins Franzö-sische übersetzt. Nach Unter dem Himmel Ostberlins, das kurze Erzählungen und Fotos über das Leben im Ost-Berlin der 1980er Jahre versammelt, ist Mit dem Moped durch Finnland das zweite Buch Seppovaaras, das auf Deutsch erscheint. Seine Fotos wurden bereits in Paris, Madrid, Berlin und St. Petersburg ausgestellt. Seppovaara lebt seit einigen Jahren in Berlin.