Ein Plädoyer für jüdisches Leben in der Diaspora

„Wann, wenn nicht jetzt…“ Die Frage aus den talmudischen Sprüchen der Väter weist daraufhin, dass eine Selbstbesinnung der Juden, ihrer Geschichte und ihres gemeinsamen Schicksals zu keiner Zeit Aufschub erlaubte.

Die Wahlen zum israelischen Parlament, zur Knesset, im Frühjahr des Jahres 2015 haben mit dem Sieg Benjamin Netanyahus, seinen rassistischen, antiarabischen Ausfällen sowie seiner glasklaren Stellungnahme gegen jede Zweistaatenlösung einen Einschnitt markiert, der auch Jüdinnen und Juden in der Diaspora nicht gleichgültig sein kann. Dem entspricht eine steigende antisemitische Stimmung in vielen europäischen Ländern, die in den Protesten gegen den Gazakrieg des Sommers 2014 zumal in Deutschland deutlichen Ausdruck fand.

Vor diesem Hintergrund ist eine Selbstbesinnung des Judentums in der Diaspora, auch und gerade in Deutschland, ebenso ein Gebot der Stunde wie eine Reflexion über die Zukunft Israels als jüdischem Staat.

Der Essay Micha Brumliks verbindet ein Plädoyer für jüdisches Leben in der Diaspora mit einer geschichtsphilosophischen Skepsis über die Zukunft des Staates Israel als eines jüdischen Staates und erwägt erneut und zeitgemäß modifiziert die schon von Martin Buber vorgeschlagene Idee eines binationalen Staates Israel/Palästina durchaus im Bewusstsein der blutigen Krise der arabischen Welt zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Judentum aber, sei es in Israel, sei es in der Diaspora, ist ohne den Reichtum der jüdischen Tradition gerade in ihren religiösen Aspekten nicht zu haben. Das Judentum des 21. Jahrhunderts wird – in welcher Form auch immer – ein religiöses Judentum sein oder es wird nicht sein.

 

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