Stadt und Gedächtnis

Der Mensch verdrängt, blendet aus und kehrt unter den Teppich, um handlungsfähig zu bleiben. Unstimmigkeiten werden kaschiert, um vor sich selbst und vor Anderen identitätsstiftende Kohärenz verkörpern zu können. Nichtsdestotrotz erscheint das längst Verdrängte immer wieder an der Oberfläche; die eigene Geschichte bestimmt die Wahrnehmung, das Denken und Handeln. Sie provoziert Konflikte mit Neuem und Unbekanntem. Ebenso verdrängen oder verbergen auf kollektiver Ebene Gesellschaften Bereiche der eigenen Geschichte, deuten sie um, setzen sie in neue Kontexte oder geben ihnen neue Formen.

Gleich der vielfach beschriebenen antiken Papyrusrolle weist die Stadt als Palimpsest verschiedene historische Schichten auf. Wenn es schwerwiegende politische Zäsuren in der Vergangenheit gegeben hat, treten materielle Relikte dieser Regime als dissonante Störungen umso deutlicher in Erscheinung, werden als unpassend erlebt und sorgen für Irritation. Das Heute gibt Aufschluss über das Gestern. Erinnerungskonflikte tragen gleichsam die Frage nach dem Umgang mit der eigenen Geschichte in sich und gewinnen somit an Bedeutung.

Wie beeinflussen sich Gedächtnis und Materialität an ehemaligen Orten von Diktaturen wechselweise? Mit Hilfe ausgewählter Fallbeispiele – die Berliner Mauer, der Gebäudekomplex des ehemaligen DDR-Rundfunks in der Nalepastraße, Berlin, und ehemalige Haft- und Folterzentren in Buenos Aires – kontrastiert Stadt als Palimpsest räumliche Aushandlungen zu Gedächtnis und möchte einen Beitrag dazu leisten, raum- und gedächtnistheoretische Ansätze zusammenzuführen.

 

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