Jüdisches Berlin um die Jahrhundertwende

Die jüdische Geschichte in Berlin ist genauso alt (oder so jung?) wie die Geschichte der Stadt selbst: Sie geht auf das 13. Jahrhundert zurück. Berlin und die Juden soll aber nicht nur die Geschichte der Jüdinnen und Juden in Berlin oder den Zusammenhang zwischen jüdischer Kultur und Großstadtkultur beschreiben, sondern nach der tiefen Verbindung fragen, die sich im Laufe der Zeit zwischen der Stadt und ihrer jüdischen Bevölkerung entwickelt hat und die selbst nach der Shoah nicht vollständig abgebrochen ist. Gibt es so etwas wie eine ‚Wahlverwandtschaft‘ zwischen Berlin und den Jüdinnen und Juden, die gleichzeitig im Zeichen einer ‚Liebesgeschichte‘ und einer ‚Tragödie‘ steht? Kann man diese Beziehung unter Fontanes Formel eines „berlinisch-jüdischen Geistes“ subsumieren?

Berlin wird dabei nicht nur als Schauplatz oder einfache Kulisse in den Blick genommen, sondern als ein regelrechter Akteur. Denn die Stadt hat das Leben der in Berlin ansässigen Jüdinnen und Juden mindestens genauso geprägt, wie diese sie erlebt und mitgestaltet haben, sodass sie als Pioniere angesehen werden können: Ihre Geschichte hat dort sprichwörtlich richtig ‚Stadt gefunden‘.

Dieser Band vereint die ausgearbeiteten Vorträge, die deutsche und französische Wissenschaftler_innen im Rahmen eines an der Universität Paris III Sorbonne Nouvelle organisierten Seminars gehalten haben. Ihre Analysen konzentrieren sich auf das 19. und das frühe 20. Jahrhundert, eine Epoche, die traditionell als ‚Goldenes Zeitalter‘ der deutschen jüdischen Geschichte bezeichnet wird. Die Beiträge sollen die Geschichte der Wechselbeziehung zwischen Berlin und ‚den Juden‘ näher beleuchten. Dabei wird eine neue Perspektive auf jüdische Intellektuelle wie Heinrich Heine, Walter Benjamin und Arnold Schönberg eröffnet, sowie auf Humboldts jüdische Mitstreiter und die Arbeit jüdischer Kunstvermittler. Ein anderer Aspekt sind Berliner ‚jüdische Orte‘ im weitesten Sinne des Wortes, von Berliner Topographien bis zu Stadttexten und -presse über jüdische Lehr­einrichtungen.

 

Mit Beiträgen von Eszter Gantner, Laure Gauthier, Sonia Goldblum, Simone Ladwig-Winters, Robert Krause, Tobias Metzler, Monika Richarz, Joachim Schlör und Céline Trautmann-Waller.

 

Leseprobe

 

Reihe Jüdische Kulturgeschichte in der Moderne

hrsg. v. Joachim Schlör

Bereits erschienen:

Bd. 1: Sebastian SchirrmeisterDas Gastspiel. Friedrich Lobe und das hebräische Theater 1933–1950

Bd. 2: Andreas Lehnardt (Hrsg.): Wein und Judentum

Bd. 3: Lea Wohl von Haselberg (Hrsg.): Hybride jüdische Identitäten. Gemischte Familien und patrilineare Juden

Bd. 4: Alina Gromova / Felix Heinert / Sebastian Voigt (Hrsg.): Jewish and Non-Jewish Spaces in Urban Context

Bd. 5: Maria Teresa Sciacca: Theater ohne Publikum. Literatur im Exil am Beispiel Friedrich Wolfs

Bd. 6: Martin Kindermann: Zuhause im Text. Raumkonstitution und Erinnerungskonstruktion im zeitgenössischen anglo-jüdischen Roman

Bd. 7: Lea Wohl von HaselbergUnd nach dem Holocaust? Jüdische Spielfilmfiguren im (west)deutschen Film und Fernsehen nach 1945

Bd. 9: Laurence Guillon / Heidi Knörzer (Hrsg.): Berlin und die Juden. Geschichte einer Wahlverwandtschaft?

Bd. 10: Thomas LewyZwischen allen Bühnen. Die Jeckes und das hebräische Theater 1933–1948

Bd. 11: Anja Siegemund (Hrsg.): Deutsche und zentraleuropäische Juden in Palästina und Israel. Kulturtransfers, Lebenswelten, Identitäten – Beispiele aus Haifa

 

In Vorbereitung:

Bd. 8: Frank Schlöffel: Heinrich Loewe (1869–1951). Zionistische Netzwerke und Räume

Bd. 12: Alexandra Klei: Jüdisches Bauen in Nachkriegsdeutschland. Der Architekt Hermann Zvi Guttmann

Bd. 13: Susanne Plietzsch / Armin Eidherr (Hrsg.): Durchblicke. Horizonte jüdischer Kulturgeschichte

Bd. 14,1: Ines Sonder (Hrsg.): Lotte Cohn. Eine schreibende Architektin in Israel. Bd. 1: Ausgewählte Schriften (1934-1982)